Nach dem matschigen Showdown Matschgårds fuhren wir nach Süden zur ältesten Stadt Dänemarks: Ribe. Dort würden wir im Ribe Vikingecenter den letzten Markt während unserer Dänemarktour erleben.

Ribe war wie kein anderer der vorherigen Märkte. Auch wenn Trelleborg einige rekonstruierte Häuser hatte und auch wenn manchen dieser von Menschen etwas Leben eingehaucht worden war, so waren sie doch am Rand des Marktes gelegen. In Ribe waren nicht nur mehr und größere Häuser, sie waren auch weiter verstreut. Mit all den Zelten dazwischen wurde daraus ein Gleichgewicht von mobilen und immobilen Heimen und alles wirkte wie ein Teil von allem.

Wir waren während der "Kriegerwoche" da und trafen viele Freunde aus Trelleborg und Matschgård wieder. Viele Kämpfer schliefen gar nicht in ihren eigenen Zelten, sondern bewohnten Langhäuser. Da der Fokus auf den Kämpfen lag, war der Marktteil relativ klein, d.h. großes "Shopping" war nicht wirklich möglich. Aber natürlich gehen wir nicht nur auf Märkte, um dort unser Geld zu lassen, sondern für das Erlebnis dabei zu sein, ein Teil von all dem zu werden. Und dieses Erlebnis bekamen wir in Ribe auf jeden Fall.

Echtes Re-enactment

Das Ribe Vikingecenter ist auch für seine experimentelle Archäologie bekannt. Die Häuser dort sind alle auf etwas andere Art gebaut, sei es ein Grubenhaus, ein Haus mit Reet-Dach und geflochtenen und mit Lehm beworfenen Wänden, ein vollständig aus Holz gebautes Haus oder ein Langhaus mit großen hölzernen Pfosten und Pfählen, die ein mit Holzschindeln gedecktes Dach stützen. Das Projekt dieses Jahres ist eine kleine Kirche auf der anderen Seite des "Hafens" (welcher eigentlich nur ein Steg an einem Teich ist). Es gab eine Bronze-Glocke, welche in Haithabu mit authentischen Mitteln gefertigt und den gesamten Weg nach Ribe über Wagen und Boot/Schiff gebracht worden war. Sie sollte an der Kirche angebracht werden, um die Herden zur Messe zu rufen. Falls sie denn so weit kam...

Die Glocke war das Streitobjekt der Krieger. Es gab die Gefolgschaft des Jarls, die nichts mehr wünschte als die Glocke sicher zur Kirche zu bringen. Es gab jene, die gegen eine Nutzung von Glocken während der christlichen Zeremonien waren - die einzige Art, Gott zu preisen, sei mit seiner eigenen Stimme! Es gab Piraten, die die Glocke ihres Wertes wegen stehlen wollten. Und dann gab es die Gefolgschaft des Königs und den König selbst - prachtvoll gekleidet! - welche die Idee anzweifelten, ganz Ripa zu christianisieren und dabei die alten Traditionen aufzugeben.

Dies war die Situation, welche die Kampfshows thematisch leitete. Die Konversion zum Christentum, von oben aufgezwungen, eine Religion vs. die andere. Und plötzlich, wenn man seine eigene Position ein wenig ausspielt, findet man sich in einer ganz neuen Situation. Heute wissen wir um all die schlechten Dinge, die in den letzten Jahrhunderten im Namen der Kirche geschehen sind. Damals wussten das die Menschen nicht. Warum sollte man nicht offiziell seine eigenen Götter aufgeben, zugunsten dieses neuen, welcher das ultimative Leid durchschritt, um am Ende wieder aufzuerstehen? Wenn man sich taufen lässt, bekommt man gemäß dem Versprechen schließlich ein neues Shirt (was in diesen Zeiten verdammt viel wert war) und ewige Glückseligkeit dazu, wenn man dem Weg Christi folgt. Wenn man Händler ist, hat man die Möglichkeit mit den Menschen aus dem Frankenreich zu handeln, welche all diese Luxuswaren mit sich führen, und schließlich würde die gesamte Handelsstadt profitieren. Das Leben wäre nicht nur besser für einen selbst, sondern auch für die eigenen Kinder und Kindeskinder. Und wer auf Nummer sicher gehen will, kann hie und da immer noch ein kleines Opfer für die alten Götter machen, solange es niemand merkt...

Im Ernst, man sieht sich plötzlich mit bedeutend weniger Argumenten ausgerüstet, wenn man die Situation mal aus historischer Perspektive berachtet. Und es gab noch ein weiteres Element, welches uns deutlicher wurde: der Bedarf, sich und seine Position klarer abzugrenzen. In einer Gesellschaft, wo keine zwei konkurrierenden Glaubenssysteme existieren, ist es nicht nötig, seinen eigenen Standpunkt mit irgendwelcher Symbolik zu betonen. Aber sobald es ein "Sie gegen Uns" gibt, möchte man klar machen, dass man NICHT einer von "ihnen" ist. Ása stellte dies einen Morgen fest, als ihr während des morning meetings ein Priester gegenüber saß. Sie trug gerade nicht ihren Hängerock mit der Mondsichel und mit hölzernen Þórshammer. Der Priester hatte kurz vorher einen Kommentar bezüglich Vil (der etwas früher da war) und seinen Þórshammer gegeben (irgendwas über Heiden und Ungläubige oder so), aber sie kommentierte er nicht, vermutlich in der Annahme, dass sie ja eine gläubige Christin sei, da sie keine heidnische Symbolik an sich trug. Sie fühlte dann das Bedürfnis, ihre Denkweise offener darzustellen. Interessanterweise ist dies genau das, was in Schweden zur Übergangszeit zum Christentum passierte: die Anzahl religiöser Symbole, ob nun christlich oder heidnisch, nahm zu. Das ist echtes Re-enactment!

Der Dänische Sommer ängstigt und nicht!

Natürlich gab es nicht nur Sonnenschein in Ribe. Zwischendurch regnete es so sehr, dass unsere Feuerstelle mehr wie ein mit Kohle und Asche gefülltes Fußbad aussah. Wir waren vorher gewarnt worden und uns wurde empfohlen, Gräben zu ziehen. Das Wasser floss zum Glück relativ schnell ab und wir erlebten kein zweites Matschgård. An anderen Tagen blies der Wind so stark, dass man nicht einen einzigen ruhigen Moment bekam. Die meiste Zeit war das Wetter aber gar nicht so schlimm (oder wir hatten uns genug an den dänischen Sommer gewöhnt, wer weiß), die Fledermäuse zogen abends ihre Kreise und die Sonne trocknete schließlich unsere Sachen.

Wir brachten es nicht übers Herz, am Sonntag und Montag mit all den anderen Kriegergruppen abzureisen, wir mochten Ribe einfach zu sehr. Deswegen blieben wir einfach ein paar Tage länger. Mit den meisten Menschen wieder auf dem Heimweg und nicht so vielen, die die Lücken schlossen, wurde es eine sehr ruhige Zeit. Unseren letzten Abend verbrachten wir mit einigen Leuten in der großen Gästestube, redeten, erzählten Geschichten, teilten ein Feuer und ein paar Kekse. Und dann wurde es doch Zeit, heimzukehren.

Résumé

Wir sind keine Krieger. Wir beschäftigten uns nicht mit den Kämpfen, außer wenn wir ihnen zusahen. Wir sind nicht Teil einer großen und berühmten Gruppe oder sowas. Aber dennoch waren wir mit offenen Armen empfangen worden, wurden zu den nächtlichen sozialen Versammlungen ("Parties") eingeladen und an sie erinnert. Es fühlte sich nicht so an als sei dies etwas besonderes, als sei es ein großes Privileg. Es schien einfach nur so zu sein, wie es nunmal ist. Wenn man sich nicht von der Marktgemeinschaft isoliert, wenn man abends seine "bimling"-Runden macht, mit den Menschen spricht und vielleicht ein wenig Bier/Met und Humor mit ihnen teilt, dann funktioniert es auf magische Art einfach ganz wunderbar. Ein "Darüber" und "Darunter" in der sozialen Hierarchie existierte lediglich während öffentlichen Vorführungen wie zum Beispiel dem täglichen Þing, wo der Jarl Gerichtsurteile sprach, doch in den Köpfen der Menschen schien es gar nicht zu existieren (und falls doch, dann hielten sie diesbezüglich den Mund). Wahrscheinlich war es einfach wieder eine Manifestation von Jantes Gesetz in Skandinavien - aber das war uns egal. Es war wundervoll. Die gesamte Dänemark-Tour war wundervoll.