In einer Zeit, wo großindustriell gefertigte Massenware aus Fernost die Gebrauchsgegenstände des Alltags dominieren, werden werden viele von uns in ihrer Freizeit handwerklich tätig, denn das “selber gemacht haben” schenkt dem Ergebnis des Schaffens, so krude es auch ausfallen mag, einen besonderen Reiz. So werden auch in der Living-History-Szene viele von uns einen mitunter wesentlichen Teil der Lagerausrüstung in heimischer Eigenarbeit hergestellt haben, auch wenn die Darstellung selbst eigentlich z.B. die des reinen Kriegers wäre. Doch hier genau tut sich der Unterschied zwischen “Heimwerk” und “Handwerk” auf: Ersteres sorgt mit mitunter modernsten Hilfsmitteln für ein präsentables materielles Ergebnis, während das Handwerk ein definierender Teil der Darstellung selbst ist. Wer eine authentische Handwerkerdarstellung anstrebt, sollte also mit akkuraten Nachbildungen damaliger Werkzeuge und -mittel arbeiten und jeden zuschauenden Besucher mit etwas Faktenwissen beglücken können.

So weit erst einmal das Leitbild. Leider sind auch wir noch weit davon entfernt, diesem gerecht zu werden. Noch dominiert das Selber-machen von eigenen Möbeln und Gebrauchsgegenständen den handwerklichen Tätigkeitsbereich der Hordenmitglieder und dieser umspannt ein breites Spektrum an zu verarbeitenden Materialien: Holz, Leder, Rohhaut, Messing, Bronze und Eisen sind einige davon.

Bedenkt man den Aufbau der ländlichen Gesellschaft um das Jahr 900, also überwiegend selbstversorgende Hofgemeinschaften ohne hochgradige Tätigkeitsspezialisierung einzelner Bewohner, könnte das eingangs erwähnte "noch" aber durchaus zu "dauerhaft" werden: was man "damals" ohne die Hilfe spezialisierter Handwerker (wichtige und frühe Beispiele sind: Schmied, Küfer, Drechsler) erledigen konnte, hat der Bauer-Handwerker vermutlich selbst erledigt.

Holzhandwerk

Holz dürfte der mit Abstand älteste von Menschen genutzte Werkstoff sein. Bereits bevor der Mensch anfing, steinerne Werkzeuge herzustellen, wird er mit Stöcken, Knüppeln und Zweigen seinen Alltag leichter gestaltet haben, sei es zur Jagd oder zur Herstellung eines Lagers. So kann guten Gewissens davon ausgegangen werden, dass auch zur Wikingerzeit Holz das wichtigste aller Baumaterialien und Werkstoffe für Alltagsgegenstände dargestellt haben wird, auch wenn wir historisch von der “Eisenzeit” sprechen, was aber eher das “am schwierigsten herzustellende Material für den Alltagsgebrauch” widerspiegelt[citation needed]. Im Gegensatz zu Bronze oder Eisen, welches aus Erzen gewonnen werden muss, wächst Holz buchstäblich “draußen vor der Tür”. So ist es wenig erstaunlich, dass auch aus der Wikingerzeit einige teilweise in exzellentem Zustand befindliche Funde aus Holz vorliegen, wovon man sich leicht z.B. bei einem Besuch des Osebergschiff-Museums in Oslo selbst überzeugen kann.

Werkzeuge

Holz lässt sich bereits mit einfachen Werkzeugen bearbeiten. Viele dieser Werkzeuge haben sich ihrer Grundform nach über die Jahrtausende kaum verändert. Nehme man nur eine Axt oder ein Schnitzmesser, ein Stemmeisen oder einen Löffelbohrer: die Grundform (und teilweise auch die Details) finden sich, wenn nicht bis heute, wenigstens bis ins 19. oder frühe 20. Jahrhundert und geographisch weit verbreitet wieder 1 . Diese Tatsache kommt der darstellerischen Interpretation des Holzhandwerkers aus der Wikingerzeit sehr zu Gute, denn bis auf wenige prominente Funde gibt es kaum direkte Quellen, die das “wie und was” dieses Handwerks zu der Zeit belegen. Vielfach muss man sich auf Bearbeitungsspuren an den gefundenen Werkstücken unter Zuhilfenahme der geographischen und zeitlichen Interpolation bedienen, um ein diesbezüglich plausibles Bild zu erhalten. Für den Re-Enactor kann das aber durchaus von Vorteil sein, denn das auf auf dem (online-)Flohmarkt günstig erstandene antike Ziemesser und das Löffelbohrer-Konvolut bildet, mit passenden Griffen versehen, eine gute und plausibel-authentische Werkzegsammlung.

1 Arwidsson, Greta, “The Mästermr find: A Viking Age Toolchest from Gotland”

Darstellung

Beim Werkzeug fängt das Handwerk erst an. Bearbeitungstechniken, Materialien und Arbeitsstätte gilt es so gut wie möglich zu rekonstruieren. Während das authentische Spalten eines Eichenbaumes um Bohlen und Bretter zu erhalten vielleicht vielen noch möglich ist, müssen wir leider Zugeständnisse an moderne Umstände machen bei der Endbearbeitung unserer schönen Holzschnitzereien: Schmirgeln mit Haihaut wird heute ungern gesehen (Schachtelhalm für die Politur ist natürlich OK) und keiner möchte beim Bemalen seiner Werkstücke noch mit Bleioxid und ähnlichen wikingerzeitlichen Pigmenten in Kontakt kommen. Dafür gibt es aber heute wie damals das gute Leinöl und Bienenwachs als umweltverträglichen Holzschutz.

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Textilwerkzeuge

Während die Ergebnisse unseres holzhanderklichen Schaffens Alltagsgegenstände wie Ess- oder Schöpflöffel, Holzschalen oder Messergriffe umfassen, so konzentrieren wir uns primär auf die Herstellung von qualitativ hochwertigen Textilverarbeitungswerkzeugen:

  • Nadelbindenadeln aus verschiedenen Hölzern (überwiegend Eibe, Eiche, Pflaume, Kirsche, Ulme) in verschiedenen Größen und Formen
  • Garnhalter aus Holz und Horn nach Funden in Haithabu und Birka
  • Webschiffchen in veschiedenen Ausführungen und Größen, insbesondere für Brettchen- und Kammweberei.
  • Wollkämme (überwiegend aus Eiche, Buche und Ahorn), näheres dazu siehe hier.
  • Spindeln: hier kaufen wir Spinnwirtel aus Ton, Speckstein oder Glas zu und passen die Schäfte individuell an diese an.