Ganz gleich, ob es um Schutz gegen Wind und Wetter oder um das zur Schau stellen des eigenen Reichtums und Status geht: der Mantel ist eines der wichtigsten Kleidungsstücke des Mannes im frühmittelalterlichen Europa. Direkte archäologische Hinweise sind jedoch rar und oft fragmentarisch. Der folgende Artikel beschäftigt sich mit den archäologischen Nachweisen aus der Wikingerzeit. Er erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, gibt aber hoffentlich einen groben Überblick über einige der wichtigsten Funde.

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Funde aus Birka und Osteuropa

Jene Textilfunde, welche als Mäntel interpretiert wurden, wurden aus vergleichsweise grobem Gewebe hergestellt 1 2 , nämlich solche, die Agnes Geijer als W 1-9 klassifizierte: Wollmaterial von schlechter Qualität mit dicken Fäden. Mikroskopische Analysen zeigten, dass es der Wolle alter schwedischer Schafrassen ähnelt. Es wurde kein Farbstoff in den Fasern gefunden, die Wolle war also möglicherweise nicht gefärbt 3 (in manchen Fällen gibt es jedoch gewisse Hinweise auf blaue Farbe). Die meisten als Mantelreste identifizierten Wollfragmente konnten wegen schlechter Erhaltung nicht einer bestimmten Kategorie zugeordnet werden 2 . In sechs von zehn Fällen wurde der Stoff nur als W klassifiziert, was Wolle bedeutet. In einem Fall (Bj 956) könnte es W 1 gewesen sein, das heißt, Tuchbindung rauer Qualität mit 4 z-gesponnenen Kettfäden pro cm und 3 s-gesponnenen Schussfäden pro cm. In zwei Fällen (Bj 58A und Bj 716) wurde ein Gewebe des Typs W 6 gefunden, ein Köper mit 10 z-gesponnenen Fäden pro cm in der Kette und 4-5 Fäden pro cm unbekannter Spinnrichtung im Schuss. Schließlich ergab ein Grab (Bj 736) einen Stoff, der W 9 hätte sein können, auf der einen Seite eine Tuchbindungs-Struktur aufweist und auf der anderen Seite eine Oberfläche aus Locken oder ungesponnener Wolle hat 3 . Man kann also sagen, dass die Mäntel aus den Birka-Gräbern – wo es Hinweise auf sie gibt – meist aus einem raueren, manchmal behaarten Gewebe bestanden, das vor allem Wärme und Schutz spendete 1 2 .

Gemäß Inga Hägg 1 2 wurde entweder eine Ringfibel oder eine Ringnadel zur Befestigung des Mantels verwendet. Viele dieser Fibeln wurden in einiger Entfernung des Toten gefunden, so dass es schwierig ist, die ursprüngliche Position auf dem Körper zu beurteilen. Ein weiterer Faktor ist, dass sich der Körper nach der Beerdigung aufgrund der Zersetzung bewegt haben könnte, was auch die Position der Fibel beeinflusst. Wenn sich der Verstorbene vollständig zersetzt hat, ist es unmöglich zu sagen, wo die Brosche oder die Nadel ursprünglich am Körper lag. In den Fällen, in denen die Position auf dem Körper klar war, handelte es sich entweder um die Schulter oder die Hüfte 2 . Ģinters 4 hat sich die Ringfibeln osteuropäischer Herkunft genauer angeschaut. Diese Fibeln lagen in acht Gräbern nahe am Schädel, in sieben lagen sie an der Hüfte, in drei am rechten Oberschenkel, in zwei am rechten Knie und fünf an der Schulter und/oder der Brust. Den Mantel an der Schulter zu schließen, wäre die traditionelle Trageweise 1 2 . Eine an der Hüfte getragene Fibel korreliert mit weiterer sehr reicher Kleidung; möglicherweise wurde der Mantel hier offener getragen, um die anderen Kleidungsstücke zeigen zu können 2 . Es könnte allerdings auch sein, dass die Fibeln hier für ein anderes Kleidungsstück wie dem Kaften eingesetzt wurden 2 .

Ģinters verglich die Mantelfunde aus Birka mit ähnlichen Funden aus Osteuropa und stellte fest, dass die Position der Fibel am Körper weitgehend dieselbe war; zudem stellte er fest, dass in jedem der in Frage kommenden Birka-Gräber nur eine Ringfibel vorhanden war, während jenseits der Ostsee zwei solche Fibeln, eine große für den Mantel und eine kleinere an der Kehle oder Brust, üblich waren 4 . Zwei Ausnahmen gab es in Birka: Bj 644, wo die osteuropäische Ringfibel zusammen mit einer Ringfibel skandinavischem Stils gefunden wurde, und Bj 643, wo sie zusammen mit einer vergoldeten Ringnadel aus Bronze gefunden wurde. Ginters nennt drei mögliche Erklärungen für diese Abweichung: Erstens könnte der Umhang an zwei Stellen befestigt gewesen sein, zweitens könnte eine der Broschen nur aus dekorativen Gründen getragen worden sein, und drittens könnten in den Gräbern zwei Mäntel mit je einer Fibel beigelegt worden sein.

Mantelfragmente aus Haithabu

Während der Ausgrabungen in Haithabu in Schleswig-Holstein wurden einige Textilreste gefunden, die als Umhänge gedeutet wurden. Es gibt zwei Fragmente aus dem Hafen 5 : Das erste (H 44B), 66 cm×19 cm groß und 2 mm dick, besteht aus einem feinen Gleichgratköper (s-gezwirnte Fäden in der Kette und z-gesponnene Fäden im Schuss). Eine Brettchen-Webkante ist erhalten und die Oberfläche ist aufgeraut, wahrscheinlich um es wasserabweisender zu machen. Das zweite Fragment (H 84), 3 mm dick, besteht aus einem karierten Gleichgratköper, die helleren Karos haben einige der (ursprünglichen?) gelben und roten Farben erhalten. Kette und Schuss sind z-gesponnen. Auch hier ist die Oberfläche aufgerauht. Hägg vergleicht diese sehr hochwertigen Umhangstoffe mit den Prachtmänteln der frühen Eisenzeit und dem Thorsberg-Fund.

Auch aus der Siedlung Haithabus stammen einige Mantelfragmente 6 . Acht Fragmente (S 8A-H) stammen von ein und demselben, einst rot gefärbten Kleidungsstück. Es handelt sich um einen Gleichgratköper mit aufgerauhter Oberfläche, einer erhaltenen Webkante und einer weiteren, mit einem nun vergangenen pflanzlichen Faden umgenähten Seite. Das zweite Stück (S 49 A), 40 cm × 12 cm groß, ist ein fester Gleichgratköper von mittlerer Qualität, leicht gewalkt und aufgerauht. Das Fargment ist an einer Seite über eine Breite von 4-4,5 cm umgefaltet und etwa 1 cm von der Faltkante entfernt festgenäht.

Die Mantelfragmente von Haithabu sind von mittlerer bis feiner Qualität und leicht angeraut, was einen Kontrast zu den dicken und dichten Stoffen in Birka darstellt. Die Gräber aus Haithabu ergaben jedoch auch Hinweise auf einen kürzeren Mantel aus dichterem Gewebe, der an der rechten Schulter befestigt worden wäre 7 . Einige kleinere Fragmente aus dem Hafen konnten keinem bestimmten Kleidungsstück zugeschrieben werden, könnten aber doch von einem Umhang stammen. Sie sind meist von grober Qualität, ungefärbt und auf einer oder zwei Seiten aufgeraut. Sie wurden entweder in 2/2-Köper, 2/1-Köper oder Kreuzköper gewebt.

Maße des Mantels und soziale Implikationen

Obwohl ein rechteckiger Umhang im gesamten Norden, dem Ostsee-Raum, in Finnland und in den slawischen und germanischen Gebieten während der Wikingerzeit üblich war, können seine Maße normalerweise nicht rekonstruiert werden 4 . Ģinters erwähnt eine Ausnahme, einen Fund aus Libau aus dem 9. Jahrhundert, in dem ein blauer Umhang mit den Maßen 210 cm × 110 cm gefunden wurde. Die kurzen Kanten wurden mit Brettchenborten verziert.

Abgesehen von archäologischen gibt es ikonographische und historische Hinweise, die in Betracht gezogen werden können. Wenn man den isländischen Sagas als Quelle Glauben schenken darf, handelte es sich bei dem Mantel um ein rechteckiges Stück Stoff, zwischen 200 cm und 230 cm lang und ca. 160 cm breit und aus edlem Material, welches vor allem den sozialen Status des Trägers bezeugt; das isländische Gesetzbuch Grágás erwähnt außerdem eine Art "Handelsumhang" von 160 cm × 80 cm 8 . Auf dem Oseberg-Wandteppich sind männliche Figuren in kurzen sowie langen Mänteln abgebildet und ein Stück Goldfolie aus Hauge, Norwegen, porträtiert einen Mann mit einem langen, an der rechten Schulter befestigten Mantel 4 .

Auf dem Teppich von Bayeux werden die Umhänge an der Schulter oder an der Brust geschlossen und bis zu den Waden reichend dargestellt; Reiter tragen einen kürzeren Umhang 4 . Die Tatsache, dass nur eine von acht bekleideten Personen einen Umhang trägt und dass diese in der Regel einen höheren Status haben, passt zum Bild des feinen Umhangs als Statussymbol; jene Figuren, die auf dem tepich einen Mantel tragen, sind außerdem nie in einen Kampf oder harte Arbeit verwickelt 8 .

Zusammenfassung

Von all den Kleidern, die ein Mann in der Wikingerzeit trug, ist der Umhang eines der wichtigsten, da er Wärme und Schutz vor schlechtem Wetter bot. Dafür musste er robust sein, gut gefüllt und mit einer aufgerauhten Oberfläche. Textile Fragmente, die zu dieser Beschreibung passen, wurden in einigen Gräbern in Birka und vielleicht im Hafen von Haithabu gefunden. Im Hafen von Haithabu und in der Siedlung wurden jedoch auch Mäntel von viel feinerer Qualität gefunden. Auch sie hatten eine aufgerauhte Oberfläche, waren aber aus feinerer Wolle, manchmal in verschiedenen Farben. Ein Moorfund aus Lettland ergab einen blau gefärbten Mantel. Aus diesem Fund sowie einigen historischen und ikonographischen Beweisen finden wir Hinweise, wie lang und breit der Mantel gewesen sein könnte. Die Länge des Mantels konnte variieren, je nachdem, ob die Person, die ihn trägt, nur steht/sitzt/geht oder reitet. Ein langer und feiner Mantel ist außerdem ein Statussymbol. Es konnte mit stark verzierten Fibeln und Nadeln getragen worden sein, die entweder an der (typischerweise rechten) Schulter, in der Mitte der Brust oder in einigen Fällen an der (rechten oder linken) Hüfte positioniert sein konnten.

Literatur

  1. Hägg, Inga, "Birkas orientaliska praktplagg." (1983).
  2. Hägg, Inga, "Die Tracht." Birka II 2 (1986): 51-72.
  3. Geijer, Agnes, Birka III: die Textilfunde aus den Gräbern. Almqvist & Wiksell, 1938.
  4. Ģinters, Valdemārs, Tracht und Schmuck in Birka und im ostbaltischen Raum: eine vergleichende Studie. Almqvist & Wiksell, 1981.
  5. Hägg, Inga, and Gertrud Grenander Nyberg, Die Textilfunde aus dem Hafen von Haithabu. Wachholtz, 1984.
  6. Hägg, Inga, Die Textilfunde aus der Siedlung und aus den Gräbern von Haithabu: Beschreibung und Gliederung. Wachholtz, 1991.
  7. Hägg, Inga, Textilien und Tracht in Haithabu und Schleswig. Wachholtz, 2015
  8. Ewing, Thor, Viking clothing. Stroud: Tempus, 2007.
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