Etwa 30km von Schwedens Hauptstadt Stockholm entfernt, in dem See Mälaren, liegt Björkö - eine kleine Insel mit großer Geschichte. Denn Björkö ist übersäht mit wikingerzeitlichen Gräbern1 , manche als Grabhügel sichtbar, andere unsichtbar unter der Erde verborgen. Am westlichen Rand der damaligen Uferlinie (welche sich durch die nacheiszeitliche Landhebung Skandinaviens um einige Meter verschoben hat) liegt eine umwallte, ehemalige Festung ("Borg"). Nördlich dieser Festung befindet sich ein Bereich, der wegen der dunklen Farbe des Bodens den Namen "Svarta Jorden" - "die Schwarze Erde" - bekommen hat2 . Unter diesem Bereich liegt eine wikingerzeitliche Stadt verborgen. Wahrscheinlich die erste Stadt Schwedens: Birka.

Archäologische Untersuchungen und Publikationen

Die ersten archäologischen Untersuchungen Birkas größeren Maßstabes begannen in den 1870er Jahren unter der Führung von Hjalmar Stolpe2 . Stolpe war zunächst aus rein entomologischem Interesse auf die Insel gereist. Er hoffte, in einigen der vielen Bernsteine, die dort zu finden waren, eingeschlossene Insekten zu entdecken. Dabei wurde er auf einige oberflächennah liegende, alte Gegenstände aufmerksam. Dass auf der Insel Kulturgut von archäologischem Interesse vorhanden ist, war damals schon bekannt. Die von Stolpe geleiteten Ausgrabungen aber sollten erstmalig einen nicht unwesentlichen Teil dieses Kulturgutes wieder ans Tageslicht befördern.

Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Funde genauer beschrieben und katalogisiert, im Laufe des Jahrhunderts wurden außerdem zahlreiche Studien dazu veröffentlicht. Die wahrscheinlich bekanntesten Werke sind die der Reihe "Birka I-V"(2 -10 ). Im Laufe der Jahre fanden außerdem weitere Ausgrabungen statt, darunter ein größeres Projekt mit Schwerpunkt "Schwarze Erde" in den 1990ern2 und zwei kleinere Projekte 2013 und 2014. Abgesehen von unzähligen in Fachzeitschriften erschienenen Veröffentlichungen entstand die Publikationsreihe "Birka Studies". Eine umfassende Publikationsliste hat das Schwedische Geschichtsmuseum in Stockholm zusammengestellt.

Die Funde aus Birka sind wie eine grenzenlose Schatzkammer, in der Re-enactor gleichermaßen wie Archäologen immer wieder etwas Neues entdecken können. So stammt beispielsweise ein wesentlicher Teil des Wissens über die Kleidung in der Wikingerzeit aus den Grabfunden Birkas 8 11 12 13 14 ; über manche Details diskutieren die Forscher bis heute15 . In Wirklichkeit wissen wir aber erstaunlich wenig über Birka, denn es sind nur wenige Prozent des Geländes untersucht worden1 .

"Virtuelle Ausgrabungen"

Ein internationales Team bestehend aus Mitarbeitern des Ludwig-Boltzmann-Institutes für archäologische Prospektion und virtuelle Archäologie (LBI ArchPro) und den Archäologen des RAÄ hat ein Projekt gestartet, um dies zu ändern. Mithilfe sogenannter "archäologischer Prospektion" wurde in den letzten Jahren nahezu die gesamte Stätte kartografiert16 . Dabei ist es den Wissenschaftlern möglich, mittels moderner Technologie "in den Boden zu schauen" und Strukturen von archäologischem Interesse aufzuspüren, indem sie zum Beispiel den magnetischen Widerstand des Bodens und darin enthaltender Strukturen messen (magnetometrische Untersuchungen) oder mit Radar-Geräten den Boden abtasten (GPR = Ground Penetrating Radar, Bodenradar). Im Gegensatz zu Ausgrabungen, die in der Regel in viel kleinerem Maßstab erfolgen, nur einen kleinen Einblick in einen größeren Komplex geben können1 und dabei nicht selten von zerstörerischer Natur sind, können Strukturen mithilfe archäologischer Prospektion nicht-invasiv in einen größeren Zusammenhang gebracht werden1 .

Erste Ergebnisse - alter und neuer Stadtswall

2006 wurden die ersten Feldversuche gemacht17 18 . Eine begrenzte Fläche in dem Bereich der Schwarzen Erde sowie ein kleiner Bereich, der die vermutete Fortführung des sog. "Stadtswalles" an der Grenze zum nördlichen Gräberfeld "Hemlanden" abdecken sollte, wurden magnetometrisch und mit Bodenradar untersucht.

Methoden archäologischer Prospektion waren in den 1990er Jahren entlang der gedachten Verlängerung des Stadtswalles bereits durchgeführt worden19 , ließen jedoch keine zweifelsfrei deutbaren Strukturen von archäologischem Interesse erkennen18 . Einige oberflächennah liegende Steine lagen entlang der gedachten Linie und könnten als Fundament interpretiert werden. Die Ergebnisse der magnetometrischen Untersuchungen zeigten zudem weitere Steine entlang dieser Linie17 18 . Obwohl der Wall zahlreiche Öffnungen aufweist und somit zu Verteidigungszwecken quasi unbrauchbar gewesen wäre1 , schien eine durchgängige Konstruktion vom nordwestlichen Ende Hemlandens bis zur Borg nahezu bewiesen. Nachdem 2011 das infrage kommende Stück noch einmal mit Bodenradar kartographiert wurde16 , war keine Verlängerung des Außenwalles erkennbar, stattdessen wiesen die Ergebnisse nur auf eine Vielzahl bisher unbekannter Gräber1 . Die zuvor als Wallfundament gedeuteten unterirdischen Steine stellten sich als Spuren von Gräbern heraus (Trinks 2017, pers. Mitteilung).

Eine überraschende Entdeckung machten die Forscher bei der Auswertung der Bondenradar-Daten im Bereich der Schwarzen Erde18 : Birkas erster Stadtswall17 18 . Von außen ist diese Struktur nicht mehr erkennbar, womöglich aufgrund landwirtschaftlicher Bearbeitung in der Vergangenheit. Der östliche Teil bestand wahrschenlich aus Lehm und weist ein Tor auf, neben dem ein Pförtnerhaus gestanden haben könnte, während der westliche, richtung Ufer verlaufende Teil aus einem anderen Material, vielleicht einer Holzpalisade mit Steinfundament, bestand17 . In Richtung des westlichen Endes des Lehm-Teiles ist eine bootförmige Struktur zu erkennen. Ob es sich dabei um ein verborgenes Grab handelt oder ob der Wall mit einem alten Boot befestigt wurde, bleibt noch zu prüfen.

Grundstücksgrenzen, Konturen von Häusern und Wege sind sowohl innerhalb als auch außerhalb des alten Walles erkennbar. Neben vielen kleineren Gebäuden liegen auch Spuren eines größeren (ca. 12x5m) Hauses mit mehreren Pfostenlöchern, einer zentralen Feuerstelle und leicht konvexen Konturen vor. Grundstücksgrenzen außerhalb des Walles könnten Höfe oder Viehweiden darstellen, während innerhalb Werkstätten, Geschäfte und Handelsorte anderer Art lagen18 . Über den Spuren des Walles verlaufende Linien dieser Art können als Zeichen der Expansion Birkas gedeutet werden17 .

Großflächige Kartierung

2008 wurde eine größere Fläche untersucht, die unter anderem auch jenen älteren Stadtswall abdeckte und mit höherer Detailschärfe abbilden sollte20 . Mithilfe modernerer Geräte als in den Vorjahren war es sogar möglich, Pfostenlöcher mit einem Durchmesser von nur 25cm abzubilden. Dabei wurden verschiedene Phasen des Siedlungsbaus sichtbar, welche die genaue archäologische Interpretation kompliziert gestalten. Außerhalb des Walles erkannten die Archäologen Gräben, Brunnen, Gebäude und Grundstücksgrenzen, die etwas einfacher zu identifizieren seien. Manche der Gräben könnten sogar von Hjalmar Stolpes Ausgrabungen in der Schwarzen Erde stammen - deren Lage war damals nicht dokumentiert worden, sodass bis heute unsicher ist, welche Bereiche von ihm gestört wurden.

2011 schließlich wurde eine Gesamtfläche von 59.8 Hektar mit Magnetometer und Bodenradar kartografiert16 . Von der Untersuchung ausgeschlossen waren Flächen, deren Topographie keine Messungen zuließen sowie zwei mit Getreide bestellte Felder. Im Dezember wurde außerdem der Boden von der Luft aus mit einem Laser gescannt, sodass später ein digitales Geländemodell ohne störende Vegetation erstellt und die geophysikalischen Messdaten darauf projiziert werden konnten.

Abgesehen von der Entdeckung Stolpes Grabungen aus den 1870ern konnten Gassen, Gebäude, Befestigungsanlagen und viele durch Pflügen eingeebnete Grabhügel und andere Grabtypen identifiziert werden16 . Es wurde deutlich, dass das Gräberfeld Hemlanden eine Weiterführung richtung "Borg" besitzt16 - und dass die Zahl der auf der Insel vorhandenen Gräber statt etwa 2000 eher um die 4000-5000 beträgt1 .

Im ehemaligen Stadtsgebiet, also im Bereich der Schwarzen Erde, konnten verschiedene Phasen ausgemacht werden, die durch unterschiedliche Hausgrößen, -typen und -anordnungen gekennzeichnet sind1 21 . Nördlich von und ein wenig außerhalb der Stadt wurden zudem Spuren eines Hauses im typischen nordischen Langhaus-Stil identifiziert (die meisten Gebäude innerhalb der Stadt waren kleiner und von anderer Form)1 . Dieses Gebäude war ohne Verteidigungs-Befestigung und könnte eine Sonderstellung im Kontext Birkas eingenommen haben1 .

Die Ergebnisse dieser archäologischen Prospektionen helfen nicht nur, bisherige Funde im größeren Kontext ihrer Siedlungsumgebung deuten zu können. Sie geben vor allem auch die Möglichkeit, einen Blick in die Geschichte Birkas zu werfen, wie es zuvor nicht möglich war. Dabei mussten die Forscher feststellen, dass Birka zu seinen Anfängen womöglich weit von dem friedlichen Handelsparadies entfernt war, welches das Bild Schwedens erster Stadt bislang dominierte1 .

Quellen:

  1. vetenskapens värld säsong 26 avsnitt 8; 10.10.2016. (http://www.svtplay.se/video/10596299/vetenskapens-varld/vetenskapens-varld-sasong-26-avsnitt-8?info=visa)
  2. Ambrosiani, B. och Erikson, B. 1991. Birka Vikingastaden Vol. 1-Jakten på Svarta jordens hemligheter har börjat.
  3. Arbman, Holger. Birka: Untersuchungen und Studien. 1, Die Gräber: Tafeln. Vitterhets-, historie-och antikvitetsakad., 1940.
  4. Arbman, Holger. Birka: Untersuchungen und Studien. 1, Die Gräber: Tafeln. Vitterhets-, historie-och antikvitetsakad., 1940.
  5. Arwidsson, Greta. "Birka II: 1: systematische Analysen der Gräberfunde." Stockholm: Royal Swedish Academy of Letters (1984).
  6. Arwidsson, Greta. Birka II: 2: systematische Analysen der Gräberfunde." Stockholm: Royal Swedish Academy of Letters (1986)
  7. Arwidsson, Greta. Birka II: 2: systematische Analysen der Gräberfunde." Stockholm: Royal Swedish Academy of Letters (1989)
  8. Geijer, Agnes. "Birka III." Die Textilfunde aus den Gräbern (1938).
  9. Gräslund, A. S. "Birka IV." The burial customs. A study of the graves on Björkö (1980).
  10. Duczko, W. "Birka V." The filigree and granulation work of the viking period–An analysis of the material from Björkö (1985).
  11. Hägg, Inga. Kvinnodräkten i Birka. Vol. 2. Institutionen för arkeologi Gustavianum [Uppsala universitet], 1974.
  12. Hägg, I. "Birkas orientaliska praktplagg. Fornvännen 78: 3–4." Journal of Swedish Antiquarian Research (1983): 204-223.
  13. Hägg, Inga. "Die Tracht." Birka II 2 (1986): 51-72.
  14. Hägg, Inga. "Vikingatidens Kvinnodräkt." Historiska nyheter 61 (1990).
  15. Hägg, Inga. "Textilien und Tracht in Haithabu und Schleswig. Die Ausgrabungen in Haithabu 18" Wachholtz Verlag/Murmann Publishers (2015)
  16. Trinks, Immo, et al. Archaeological Prospection of the UNESCO World Cultural Heritage site Birka–Hovgården. na, 2013.
  17. Trinks, I., and L. I. Larsson. "Undersökning utan utgrävning. Kartläggning av Birka. Geofysiska prospekteringsmetoder I. Arkeologiska undersökningar har givit ny kunskap om vikingastaden Birkas uppbggnad och utveckling." Populär Arkeologi 3 (2007).
  18. Trinks, Immo, Wolfgang Neubauer, and Alois Hinterleitner. "First High‐resolution GPR and Magnetic Archaeological Prospection at the Viking Age Settlement of Birka in Sweden." Archaeological Prospection 21.3 (2014): 185-199.
  19. Wåhlander, L. "Birkas stadsvall och dess förlängning fram till Borg." CD-uppsatser i laborativ arkeologi 97 (1998): 98.
  20. Trinks, Immo, et al. "Efficient, large‐scale archaeological prospection using a true three‐dimensional ground‐penetrating Radar Array system." Archaeological Prospection 17.3 (2010): 175-186.
  21. http://www.svt.se/nyheter/vetenskap/ett-arbetslager-befolkat-av-slavar