Funde aus Skandinavien

Eine erste Beschreibung von Wollkämmen aus der Wikingerzeit findet man in Hoffmanns Arbeit von 19911 . Marta Hoffmann beschreibt die Kämme als Werkzeuge zur Vorbereitung der gesäuberten und aufgelockerten Wolle für das Spinnen. Sie nennt wikingerzeitliche Funde aus Norwegen und Island sowie eine Abbildung des Märtyrertodes des Heiligen Blasius, datierend auf das späte 11. Jahrhundert, auf welcher er mit Wollkämmen gefoltert wird. Der Heilige Blasius war der Patron der Wollhandwerker.

Leider gibt Hoffmann keine Details zu den wikingerzeitlichen Grabfunden. Das einzige hierzu relevante Bild in ihrem Buch (die Wollkämme auf allen übrigen Abbildungen sind aus späteren Jahrhunderten) ist ein Paar Wollkämme aus einem Grab aus Hyrt, Hordaland. Die hölzernen Köpfe haben eine Einzelreihe von etwa 20 Zinken, welche an den Spitzen etwas nach innen gebogen sind. Vergleichsmaterial aus späteren Epochen zeigt, dass sich die Kämme nicht viel verändert haben. Manchmal existiert eine zweite Zinkenreihe und die Zinken sind länger. Jene Wollkämme, welche noch lange Zeit in Norwegen, Island und auf den Faröer-Inseln benutzt wurden, ähnelten den wikingerzeitlichen jedoch deutlich mehr als jene aus Mitteleuropa. Es ist der Tradition jener Gegenden zu verdanken, dass wir wissen wie diese Textilwerkzeuge benutzt wurden.

Der wikingerzeitliche Wollkamm aus Hoffmann's Buch1 kann im digitalt museum gefunden werden. Ein zweiter, nur als "eisenzeitlich" datiert, kommt aus Veka, Voss, Hordaland. Hier scheint es, als seien nur zwölf Zinken in den hölzernen Teil gesetzt. Ein dritter Wollkamm mit Kopfteil aus Rabstad, Hamar k., Hedmark, war 2016 im Kulturhistorischen Museum in Oslo ausgestellt. Die schätzungsweise 25 Zinken sind doppelreihig angeordnet, mit 13 Zinken in der vorderen Reihe. Der Kamm ist auf das 10. Jhd. datiert.

Abgesehen von diesen werden in Skandinavien (fast) vollständige Wollkämme selten gefunden. Die eisernen Zinken tauchen allerdings manchmal in Publikationen über die wikingerzeitliche Textilproduktion auf - jedoch sind sie auch hier selten. Eine mögliche Erklärung ist, dass die Wollkamm-Zinken häufig als einfache Nägel oder andere simple Eisen-Gegenstände wiederverwendet wurden2 .

Ein weiteres Problem ist, dass es schwer sein kann, Wollkamm-Zinken und Flachshechel-Zinken voneinander zu unterscheiden. Die Fundlage ist dann besonders ungewiss, wenn an der Stätte sowohl Woll- als auch Leinenstoff-Produktion möglich waren, wie zum Beispiel im frühmittelalterlichen York. Hier wurden die beiden Artefakt-Gruppen wie folgt unterschieden 3 : Wollkamm-Zinken sind typischerweise zwischen 90 und 110mm lang (in Norwegen bis zu 130mm) und haben einen gerundeten oder gerundet-rechteckigen Querschnitt, zur Spitze hin sind sie leicht gebogen. Die Wollkamm-Zinkenlänge und -form war einigermaßen standardisiert, während jene von Flachshecheln größere Variabilität aufwiesen (für mehr zu den Wollkammfunden aus York, s. “Funde außerhalb Skandinaviens”). Flachshechel-Zinken aus York waren zwischen 70 und 103mm lang, zur Spitze hin nicht gebogen, sondern gerade und wiesen einen rechteckigen, manchmal gerundeten Querschnitt auf. Vor allem aber mussten sie sehr scharf sein, um beim Hecheln in die Flachsfasern dringen zu können.

Als sich Eva Andersson Strand mit den Textilwerkzeugen aus Löddeköpinge auseinandersetzte und jene aus Birka und Haithabu neu registrierte2 4 , definierte sie, dass ein Wollkammzinken als solcher nur dann angesprochen werden sollte, wenn er über 50mm lang und 4-6mm breit war, es sei denn, es wurden mehrere Zinken zusammen im richtigen Kontext gefunden. Sie registrierte 18 Wollkamm-Zinken aus Birka. Obwohl in Haithabu viele Textilwerkzeuge gefunden wurden, brachten die Ausgrabungen keine Wollkamm-Zinken hervor, was an den Erhaltungsbedingungen für Eisen an diesem Ort liegen könnte5 . Eine Metallplatte aus Haithabu mit zwei Lochreihen sowie mehreren Zinken könnte als Wollkamm benutzt worden sein. Sie ist jedoch als Flachshechel registriert worden, da man Flachsfasern zwischen den Zinken fand5 .

Um die 20 lose Wollkamm-Zinken waren 2016 im Kulturhistorischen Museum in Oslo ausgestellt. Sie kommen aus Ås, Ullensaker k., Akershus und sind auf das 9. Jhd. datiert.

Bilden http://www.historiska.se/data/?bild=347447 som visar objektet http://www.historiska.se/data/?foremal=985086
Wollkammzinken aus der Schwarzen Erde, Birka. Bild Kerstin Näversköld SHM

In manchen der Grubenhäuser in Löddeköpinge, Skåne, wurden Wollkamm-Zinken gefunden2 . Zwei Zinken wurden auf das 9. Jhd. datiert, sechs auf die Periode zwischen 900 und 1050. Ein weiterer wurde in der Füll-Schicht gefunden und ebenfalls auf die letztere Periode datiert. Ein weiterer Fund wurde bei Lisbjerg nahe des heutigen Aarhus (DK) gemacht 6 . Eine Grabung dort brachte eine große Menge von Grubenhäusern, viele davon auf das 8. bis 10. Jahrhundert datiert, hervor. In 17 der Grubenhäuser wurden Webgewichte gefunden, auch gab es Funde von Spinnwirteln, was ein Hinweis auf eine Textilproduktion im überdurchschnittlichen Maßstab sein könnte. Ein Grubenhaus beinhaltete einen Metallzinken, welcher entweder als Wollkamm- oder Flachshechel-Zinken angesprochen wurde. Die Interpretation ist leider sehr ungewiss.

Funde außerhalb Skandinaviens

Ein weiterer Kamm wurde bei der piastischen Siedlung Ostrów Lednicki, Polen, gefunden7 . Der Fund datiert auf das 10. Jahrhundert. In der Veröffentlichung wird er als "Webkamm" bezeichnet, allerdings sprechen die Länge und Anordnung der Zinken eher für eine Verwendung als Wollkamm oder Hechel. Die um die 20 Zinken sind etwas über 5cm lang und doppelreihig angeordnet. Kopfteil und Handhabe sind erstaunlich gut erhalten. Der Kopfteil ist schätzungsweise 6cmx7cm (?) breit, die Handhabe 14-15cm. Das Holz wurde als vom Ahorn (Acer sp.) stammend identifiziert8

Die Ausgrabungen bei Coppergate, York, brachten Wollkammfragmente und mehrere Zinken hervor3 9 . Einer der Funde besteht aus zwei Fragmenten einer Eisenplatte mit zwei Lochreihen, welche ursprünglich mit Nägeln an dem hölzernen Kopf angebracht gewesen wäre. An einem Fragment sind noch immer acht Eisenzinken befestigt (Länge: 105mm), das andere Fragment besitzt nur zwei Zinken und sieben (nun unvollständige) Löcher in derselben Reihe. Der Kopf war ursprünglich etwa 170mm lang, 46mm breit und 23mm dick. Zwei weitere Zinken (105mm lang, 5mm dick) gehörten einst zu diesem Kamm, sind aber nicht mehr an ihm befestigt. Der Gegenstand ist deswegen als Wollkamm angesprochen worden, da an der Basis der Zinken Wollhaare gefunden wurden. Ein Eisenplattenfragment eines zweiten Wollkammes hat acht rechteckige Löcher. Es ist 51mm lang und 39mm breit, die Löcher sind 4mm groß. Die Platten sind alle auf die Zeit zwischen dem späten 10. und der Mitte des 11. Jahrhunderts datiert.

185 Eisenzinken von Coppergate sind wegen ihrer Ähnlichkeit mit den Wollkammzinken der Eisenplatten ebenfalls als solche identifiziert worden, auch wenn ihre Form genauso gut auf Hechel-Zinken deuten könnten. Sie können in zwei Gruppen unterteilt werden: Eine bestehend aus Zinken mit rundem oder rund-rechteckigem Querschnitt, eine andere bestehend aus Zinken mit rechteckigem oder quadratischem Querschnitt. Sie variieren in ihrer Länge, aber etwa 90% sind zwischen 75mm und 115mm lang. Wollkammzinken sind für alle Zeitabschnitte des angelsächsischen Yorks belegt, mit einem Schwerpunkt (etwa 40%) aus der Zeit zwischen 975 und 1050.

Eine Bemerkung zur Verteilung der Funde

Das Ausmaß der Textilproduktion war sehr groß in Löddeköpinge und wuchs sogar während der Wikingerzeit, vermutlich aufgrund politischer Veränderungen in Dänemark2 . Auch in Birka wurde die Produktion von Textilien in beachtlichem, wenn aus vergleichsweise kleinerem, Maßstab nachgewiesen4 10 , auch wenn bislang keine Grubenhäuser wie z.B. in Löddeköpinge gefunden wurden. Norwegen wurde als Herstellungsort des Diamantköpers vom "Birka-Typ" vorgeschlagen11 . Und auch die Wollkammfunde aus Polen und England stammen aus größeren Siedlungen, im letzteren Fall sogar von einer großen Stadt mit einer großen Zahl von Textilwerkzeug-Funden 3 .

Vielleicht ist es wahrscheinlicher, Wollkämme an Orten industrieller Textilproduktion oder an Orten mit einer Gesellschaftsschicht, die hochqualitativer Textilien bedurfte, zu finden? Die Fundlage deutet vielleicht darauf hin, aber um diese Hypothese überprüfen zu können, sind noch mehr Funde mit einer solchen Verbindung vonnöten.

Literatur:

  1. Hoffmann, Marta, Fra fiber til tøy. Tekstilredskaper og bruken av dem i norsk tradisjon, 1991.
  2. Andersson, Eva, Textilproduktion i Löddeköpinge - Endast För Husbehov?. Institute of Archaeology, University of Lund, 1999.
  3. Rogers, Penelope Walton, Textile production at 16-22 Coppergate. York Archaeological Trust, 1997.
  4. Andersson, Eva, Tools for Textile Production–from Birka and Hedeby. 2003.
  5. Westphalen, Petra, Die Eisenfunde von Haithabu. Vol. 10. Wachholtz Verlag, 2002.
  6. Birch Iversen, Rasmus, Samlet beretning for FHM 5312 Elmehøjsager III, FHM 5441 Haldager II, FHM5580 Elmehøjsager IV, Lisbjerg sogn, Vester Lisbjerg herred, tidl. Århus amt. Sted nr. 15.06.04. Sb.nr. 166; 167; 173. Moesgård Museum d. 11-05-2017
  7. Poláček, Lumír (Hrsg.), Das wirtschaftliche Hinterland der frühmittelalterlichen Zentren - Internationale Tagungen in Mikulčice VI, Brno 2008, 109-125
  8. Stępnik, Tomasz, Średniowieczne wyroby drewniane z Ostrowa Lednickiego. Studia Lednickie 4, 1996: 261-296.
  9. Ottaway, Patrick., Anglo-Scandinavian ironwork from 16-22 Coppergate, York: c. 850-1100 AD. Diss. University of York, 1989.
  10. Andersson Strand, Eva, The organization of textile production in Birka and Hedeby. In S. Sigmundsson (Ed.), Viking Settlements and Viking Society, Papers from the Proceedings of the Sixteenth Viking congress (pp. 1-17), 2011.
  11. Bender Jørgensen, Lise, Prehistoric Scandinavian textiles. Det Kongelige Nordiske Oldsdriftselskab, 1986.
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