Unser Zelt sieht etwas anders aus als die meisten "Wikingerzelte", die man auf den üblichen Märkten so sieht. Es so klein, aber nicht so schlicht wie ein klassisches 2x2.5m A-Zelt. Es besitzt ein an die Osebergzeltkonstruktion angelehntes Gestänge. Und es ist aufwändig bemalt, also bunt. Und das Beste: es ist Zelt und Bett in einem.

Vermutlich wird es eine derartige Konstruktion in der Wikizeit nie gegeben haben, aber das soll uns an dieser Stelle nicht weiter stören. Wichtig ist in erster Linie: Die Konstruktion ist nicht ohne nachzudenken von anderen abgeguckt und erfährt ihre eigene Evolution. Sie war mitnichten von Vornherein so geplant. Dieser Artikel soll nun beschreiben, wie aus einem einfachen A-Zelt das aktuelle Ergebnis geworden ist und welche Überlegungen dabei eine Rolle spielten.

Einfaches Oseberggestänge

Einige Überlegungen, bevor es in den Baumarkt ging:

  • maximal in unserem (Leih-)Anhänger transportierbare Länge ist 200cm. Firsthöhe des Zeltes ist aber 210cm, dazu kommen die Paddel, die mindestens weitere 50cm lang sein sollten. Also muss das Gestänge auch wieder zerlegbar sein.
  • Die Bohlenstärke, die manche für ihre Osebergzelte verwenden, erinnern eher an Dachbalken für ein Langhaus. Wir wollen aber etwas transportables, möglichst leichtes. Ein Gestänge, kein Geplänke.
  • Abspannung am Boden ist in Ordnung, den Unterbau eines üblichen Osebergzeltes können wir uns vorerst sparen.
  • die Verwendung von Metall in der Zeltkonstruktion soll vermieden werden: Eisen war in der Wikizeit zwar nicht so teuer, wie immer wieder behauptet wird, aber wenn ich die Wahl habe, ein halbes kg des Materials für eine Zelt-Steckverbindung zu verwenden oder für eine Arbeitsaxt, dann würde ich doch lieber die Axt wählen.
  • A propos Steckverbindung: Scharniere und moderne Arretiervorrichtungen, die dann mit Jutestoff ,,unsichbar" gemacht werden, sind ein absolutes no-go.
  • Innengestänge oder Außengestänge? Vorteil Innen: Der Stoff ist ordentlich gespannt und wenn das Gestänge ,,hässlich" wird, sieht man davon nicht viel. Die losen Stangenenden lassen sich besser über den Stoff abspannen/fixieren. Vorteil Außengestänge: Kleinere Öffnungen für die Giebelstange notwendig, dadurch weniger Regen im Zelt wenn der Wind weht.

Und so geschah es, dass eine Konstruktion wie die abgebildete ersonnen wurde. Statt aus einer breiten Bohle so lange Material wegzuschneiden, bis eine möglichst leichte, aber noch tragfähige Stange geworden ist, entschied ich mich dafür, aus dünneren Latten eine Leimholzkonstruktion herzustellen. Das ist mit Sicherheit nicht, wie man es ,,damals" gemacht hätte, aber in der heutigen Zeit ist es eine weitaus günstigere Variante. Aufgrund seiner Witterungsbeständigkeit fiel die Holzwahl auf Kiefer, genauer auf Douglasie -- leider nicht heimisch (noch nicht mal annähernd), aber mehr gab der Baumarkt nicht her. Hätten wir damals schon unseren aktuellen Holzhändler gekannt, wäre das natürlich anders ausgegangen, insbesondere nicht unbedingt teurer.

Arbeitsschritte

  1. Konstruktionszeichnung
  2. Ausmessen der genauen Stangenlängen und First-/Giebelhöhe
  3. Verleimen der ,,Paddel"
  4. Zuschneiden der Steckkonstruktion, siehe Bild
  5. Öffnung für das Gestänge in den Zeltstoff arbeiten.
  6. Bohren des Loches für die Giebelstange
  7. Beschnitzen der Paddel
  8. Bemalen der Paddel
  9. Einölen des Gestänges mit Leinöl

Zum ersten Markt 2015 hin war diese Konstruktion weit gehend fertig und das Zelt konnte mit Außengestänge aufgebaut werden. Die Stangen wurden einfach auf den Boden gestellt und mittels eines Herings vor Verrutschen gesichert. Durch die Abspannung mittels Heringen hatte es eine ausreichende Stabilität, aber den Sturm des letzten Abends hätte es wohl nicht überlebt, wären wir nicht eine Stunde vor seinem Eintreffen abgereist. Es stellte sich jedoch relativ bald heraus, dass die Innengestängekonstruktion ein Fehlschlag war: Regen drang durch die großen Öffnungen im Stoff ins Zeltinnere und die Fixierung der Stangen am Boden war eine Frickelei.

Lessons learned so far:

  • Baumarkt ist No-Go: lieber einen Holzhändler in der Gegend suchen!
  • Möglichst astreines Holz verwenden wegen Stabilität!
  • Innengestänge nach erster Überlegung erfordert relativ große Ausschnitte, welche bei Regen unpraktikabel sind. Wenn Oseberg, dann Außengestänge.

Wir brauchen ein Bett!

Unser Anspruch beinhaltet: keine neuzeitlichen Materialien auf dem Markt (aktuelle Ausnahme: Bierflaschen, aber nur versteckt im Zelt). Also auch keine Isomatten, Plastik-Bodenplanen und all sowas. Also brauchen wir ein vernünftiges Bett. Einige Überlegungen, bevor es zum Holzhändler ging:

  • Das Zelt braucht eine selbständig tragfähige Bodenkonstruktion, Heringe sind manchmal lästig (bei steinigem Boden)
  • Das Bett soll groß genug für zwei Personen sein (mind. 1.2m Breit), aber möglichst leicht und materialsparend. Ein Lattenrost scheidet von Vornherein aus, eine Netzkonstruktion erscheint sinnvoll.
  • Auch für die Bettkonstruktion soll kein Metall verwendet werden
  • Das Zelt ist klein genug, dass man das Bett als tragende Konstruktion als Teil des Zeltes bauen kann.
  • Eine Matratze wird so oder so notwendig sein: Wie wär's mit einem großen, mit Stroh gefüllten Jutesack?

Und so geschah es, dass eine Konstruktion wie die abgebildete ersonnen wurde. Durch die scrhäge Anbringung der Längsbohlen erhält die gesamte Konstruktion eine zusätzliche Stabilität verglichen mit einer senkrechten Anbringung und die Überlegung war, dass die Biegebelastung durch die sehr stark zu spannenden Seile (plus unser Gewicht) günstiger und die Bettkante etwas weniger kantig wird. Die Aufgabe der zwischen den Bohlen gespannten Seile ist die Lastverteilung über die gesamte Länge des Bettes, während die Matratze aus Stroh eine polsternde und vor allem isolierende Aufgabe hat. Auf der Matratze sorgen 1-2 Deckenschichten für mehr Komfort durch weniger Kratzigkeit.

Der erste Versuch des Aufbaus erfolgte auf dem letzten Markt letztes Jahr. Das Spannen des Seiles gelang nur mäßig, weswegen wir in der zweiten Hälfte der ersten Nacht doch wieder auf dem Boden lagen. Merke: neue Naturfaserseile dehnen sich mit der Zeit etwas aus, man muss also nachspannen können. Später ersannen wir eine Knebelkonstruktion, wo jede Seilschlaufe, welche durch die Bohle geführt wurde, durch verdrehen des Knebels nachgespannt werden kann. Jedenfalls erwies sich die Strohmatratze als ausgesprochen taugliche Isomatten-Alternative und eine hinreichende Anzahl Wolldecken machen so etwas wie Schlafsäcke auch bei niedrigen Temperaturen überflüssig.

  

Zur Befestigung des Gestänges: Hierzu mussten an der  Unterseite der Stangen jeweils eine ,,Fahne" angeleimt (und genagelt) werden, damit diese mittels eines Holznagels an den Querbohlen befestigt werden können. An diesem Punkt steht allerdings fest, dass wir uns weit über eine für die Wikizeit plausible Konstruktion hinaus begeben. Das macht aktuell zwar nichts, aber mittelfristig sollte doch ein Neubau der Stangen aus einer Bohle heraus ins Auge gefasst werden. Mit Hilfe eines Löffelbohrers wurden in die ,,Fähnchen" an den Stangen und die Bohlen ca. 25mm durchmessende Löcher gebohrt und aus Eichenholz passende Holznägel geschnitzt. Die Verbindung ist bei entsprechend sorgfältiger Arbeit stabil. Allerdings stellt man beim Aufbau fest: Der Zeltstoff ist irgenwo im Weg, denn das Gestänge ist nun außen und die Bettkonstruktion innen. Aktuell können wir damit leben (siehe Bild), aber optimal ist das nicht.

Lessons learned so far:

  • Die Abstände zwischen den quer gespannten Seilen für die Matratzenunterlage entscheiden maßgeblich über den Schlafkomfort: aktuell sind die Abstände etwas zu groß, aber die Strohmatratze kann das weit gehend ausgleichen. Kleinere Abstände bedeuten mehr Seilverbrauch, größere Abstände erfordern mehr Stroh als Polster.
  • Eingeklemmter Stoff an den Ecken ist ,,irgendwie doof", das nächste Zelt wird dahingehend anders aussehen.
  • Die Längsbohlen (Dicke ca. 2.5cm) biegen sich sehr stark durch. Besser wäre es gewesen, weniger breites aber dafür dickeres Holz zu verwenden. Abhilfe schaffte eine T-Konstruktion, also das Anbringen einer Querlatte an der Bohlenunterseite. Die dadurch gewonnene Stabilität ist enorm, allerdings mit dem Preis, dass 12 Stück lange Eisennägel (relativ teuer) verbaut werden mussten (moderne Schrauben kommen nicht in Frage, auch wenn man sie nicht sieht).

Das fertige Zelt

Das Zelt sollte möglichst ohne Heringe aufgebaut werden können, also ist eine andere Art der Abspannung notwendig. Das klassische Osebergzelt löst das durch kreuzweises Abspannen an der Zeltinnenseite mit Seil, welches nebenbei dafür sorgt, dass der Zeltstoff in der Mitte nicht so stark durchhängt. Ähnlich erfolgt dies mittlerweile bei unserem Zelt auch: die Verbindungen der Giebelstange mit den Seitenstangen werden mit den jeweils gegenüberliegenden unteren Ecken des Zeltes gesichert, außerdem läuft ein Seil entlang der Längsseite, an dem der Zeltstoff über die eigentlich für Heringe vorgesehenen Laschen gespannt werden kann (siehe Bilder).

Auch hier ließ sich nicht vermeiden, dass Seile durch den Zeltstoff hindurchgeführt werden mussten. Vier kleine Löcher im Stoff (versäubert mittels Knopflochstich) fallen aber nicht weiter ins Gewicht.

Wird das Abspannseil ordentlich gespannt, lässt sich das Bett-Zelt als Ganzes problemlos mit zwei Personen hochheben und tragen. Optimal steht es, wenn die Mitten der Seiten und die hintere Zeltwand mittels eines Herings verankert werden können, aber es geht auch ohne.

Aber... bunt?!

Leider hatte das Zelt nach einem etwas feuchten Markt Stockflecken bekommen. Das war der ausschlaggebende Moment für die Entscheidung, unser Zelt zu färben. Weiße Baumwollzelte werden a.d. 900 vermutlich nicht der letzte Schrei gewesen sein, ein helles Braun vermutlich schon eher. Vielleicht so etwas wie Natur-Leinen oder brauner Wollstoff. Am Zeltmaterial selbst lässt sich zu diesem Zeitpunkt außer durch Neukauf nichts ändern, also ab damit in den Färbetopf. Der Zeltstoff kam also zusammen mit 200l warmem Wasser, einer Menge Salz und einer großen Packung brauner sowie einer kleinen Packung roter Simplicol-Textilfarbe in ein großes Regenfass, wo wir eine ganze Weile mit Bewegen des schweren Bündels beschäftigt waren. Das Ergebnis (siehe Bilder) ist etwas heller als erhofft, aber dennoch sehr vertretbar. Leider haben die Stellen, welche von Stockflecken befallen waren, die Farbe besser aufgenommen als das restliche Gewebe und so werden diese nun noch weiter betont. Aber so sei es eben.

Zu guter letzt sollte eine Seite des Zeltes mit unserem Hordenlogo bemalt werden. Es gibt keinerlei Belege dafür, dass Zelte (sofern verwendet) überhaupt in irgend einer Weise bemalt wurden, aber dass Holzschnitzereien & Co. farbenfroh gestaltet wurden, ist hinreichend bewiesen. Zum Thema "Bemalen von Stoff" ist ein Artikel in Arbeit, daher soll darauf an dieser Stelle nicht viel weiter eingegangen werden. Man wird die von uns verwendeten Farbtöne (gelb, rot, creme-weiß) zur Verfügung gehabt haben und eine wetterfeste Farbe lässt sich durch Pigmentierung von wasserfestem Leim (z.B. Kaseinleim mit Glycerin) herstellen. Dennoch entschieden wir uns aufgrund der Kürze der Zeit (2 Wochen vor dem letzten Markt vergangenen Jahres) dafür, moderne Textilfarben zu verwenden. Das Abzeichnen des Logos (Beamer sei Dank!) dauerte nicht lange, aber das Aufmalen mit feinem Pinsel hat Tage in Anspruch genommen. Das Ergebnis kann sich dafür sehen lassen. Prunk pur. Und für unsere Darstellung etwas so passend wie der Begriff ,,Horde" für eine Zweipersonengruppe...

Fazit

Das Zelt ist noch nicht fertig. Es werden immer wieder kleine Verbesserungen vorgenommen, sei es an der Seilabspannung oder durch Beschnitzen des Holzes. Pläne zur Verbesserung sind vorhanden und wir werden sicher noch eine Weile ,,Zeltevolution" spielen. Dennoch werden wir uns aus Platzgründen vermutlich für 2017 so etwas wie ein Sachsenzelt zulegen, oder eben ein um zwei Nummern größeres Osebergzelt -- natürlich selbstgebaut. Um dieses Zelt jemals zu entsorgen, ist es viel zu schade. Sollte es dereinst als Schlafzelt ausgedient haben, wird es zum Saunazelt umfunktioniert.

Update Herbst 2017: Das Wollzelt ist bald fertig und bekommt seinen eigenen Entstehungsartikel.

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Zeltpimpen

Erster Versuch eines Innengestänges ohne Bettgestell

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Knebel zum Spannen des Bettnetzes

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Die gewählten Lochabstände machen das fertig gespannte netz etwas zu grobmaschig

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Ein quer zur Spannrichtung durchgeflochtenes Seil schafft Abhilfe

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Das Zeltgestänge a.k.a. "Paddel" werden mit Holznägeln am Bettgestell befestigt

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Die Holznägel zur Befestigung des Gestänges dienen auch als Umlenkpunkt für die diagonalen Spannseile

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Das fertig aufgespannte Zelt

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Strohsack und Leinentuch bilden eine sehr bequeme Matratze