Unser erster dänischer Markt wäre bei der wikingerzeitlichen Festung Trelleborg auf der Insel Zealand gewesen. Doch bevor wir dort ankamen, legten wir einen kurzen Halt in Haithabu ein...

Und weil die Welt so klein ist, trafen wir ein paar Freunde wieder, die wir 2016 beim Midgardsblot in Borre, Norwegen, kennengelernt hatten. Wir hatten eine schöne Zeit zusammen, besuchten die Abend-Kaninchen an der Schlei und am nächsten Tag den Sommermarkt in Haithabu. Für Menschen außerhalb des Hobbies hätte der Marktbersuch vielleicht nur eineinhalb Stunden oder so gedauert. Nun, wir sind erst bei einem Schweden, dann bei einem Dänen hängen geblieben, weil wir über Schalenspangen gefachsimpelt haben, was alleine schon gut drei Stunden dauerte. Dann mussten wir noch einigen Leuten hallo sagen, die wir auf den dänishcen Märkten ohnehin wiedergesehen hätten (was wir zu dem Zeitpunkt aber nicht wussten) - es ist immer das gleiche.

Wir setzten unsere Reise am frühen Nachmittag fort und erreichten die Trelleborg in Slagelse ein paar Stunden später. Dort lernten wir schnell, dass die Dänen Marktorganisation - und noch vieles weitere - auf eine entspannte Art handhaben, die dem Deutschen erst einmal als ein wenig seltsam erscheint. Es gibt dafür ein gutes Wort mit fünf Buchstaben, welches diesen Zustand perfekt beschreibt: hygge.


Quantität und Qualität

Wir waren die deutschen Märkte gewohnt, deswegen war Trelleborg wirklich etwas besonderes. Es gab mehr als 1200 Darsteller - nun rechnet das in Zelte und Stände um! Wenn man einmal über den gesamten Markt gehen, sich Dinge anschauen und mit den Leuten reden wollte, brauchte man mehr als einen Tag. Und es war nicht nur die Quantität, die uns beeindruckt hat. Jeden Morgen vor Markteröffnung schallte die Stimme der Vølva über das Gelände und rief zum Morgentreffen. Dort bekam man die wichtigsten Informationen des Tages, sei es der Wetterbericht (den man nach einer gewissen Zeit zu misstrauen beginnt, schließlich ist es Dänemark), die Besucherzahlen des vorherigen Tages, wichtige Veranstaltungen des Tages (Programm während der Öffnungszeit, die nächste große Party, Wikinger-Flohmarkt, etc.), Dinge aus dem Fundbüro und alles weitere, über das gesprochen werden musste. Jeder konnte melden, was auch immer ihn oder sie betraf, egal welchen Alters oder welcher Stellung. Jeden Tag wurden die Menschen daran erinnert, auch nach Marktöffnungszeiten authentisch aufzutreten, was, wie wir hörten, auf skandinavischen Märkten lange nicht selbstverständlich war, hier aber kein großes Problem zu sein schien.

Viele Waren waren so authentisch und von hoher Qualität, dass es echt schwierig wurde, das Hacksilber im Beutel zu lassen. Aber gute Handarbeit muss belohnt werden; also kauften wir neues Werkzeug, neuen Schmuck und andere nützliche Sachen. Natürlich sind wir auch und wenig losgeworden. Und wieso auch nicht, denn wer sagt nein zu einem schönen Webschiffchen aus Eibenholz, glatte Nalbinding-Nadeln, hübsche und ausbalancierte Spindeln und handgesponnene Wolle?

Und für alle, die noch nicht hinreichend überzeugt waren, gab es den Flohmarkt. Er war nur für Darsteller, somit nach Marktöffnungszeit. Man konnte alles mögliche mitbringen, Dinge, die man normalerwreise verkauft oder Dinge, die man einfach nur loswerden wollte. Feilsche, handel, tausche gegen Geld oder andere Waren - und sei schnell, bevor jemand anderes einen besseren Preis macht! Es war voll, es war eng, es war intensiv und laut, es war, wie ein echter Markt hätte gewesen sein können. Ich möchte dieses Rentierfell haben, dafür kriegst du diese Lederweste, sie passt die eh viel besser als mir. Deal! Diese Holzschalen sehen gut aus, willst du ein paar Knochenperlen?

Davon abgesehen machte Ása einen feinen Tauschhandel mit einer anderen Frau, die etwas Spælsau-Wolle dabei hatte und an der Wolle der Ostfriesischen Milchschafe interessiert war. Etwas Spælsau für so viel Ostfriesisches Milchschaf, wie sie wollte - diese Frau war hinterher wirklich glücklich (sie hatte noch mehr Spælsau zuhause) und Ása kann sich nun darauf freuen, Wolle und Haar dieser alten "Wikinger"-Schafrasse zu trennen.


Authentischstes Lager des Jahres

Um die Motivation, sich ständig zu verbessern, zu erhöhen, haben die Organisatoren vor einger Zeit die Wahl zum "Authentischsten Lager des Jahres" eingeführt. Dadurch, dass es ein kleiner Wettkampf, ein Spiel ist, ist es vermutlich wahrscheinlicher, dass sich die Leute im Laufe der Zeit verbessern. Wer gewinnt, bekommt einen kleinen Preis: eine "Trelleborg-Schale", eine Replik einer Schale, wie sie bei der Trelleborg gefunden wurde. Der wirkliche Preis ist unserer Meinung nach aber die Tatsache, dass das eigene Lager als das authentischste gewählt wurde!

Es funktioniert folgendermaßen: das gesamte Marktgelände wird in vier Bereiche 1-4 aufgeteilt. Für jeden Bereich werden ein paar Menschen als "Authentizitäts-Polizeit" bestimmt (sagen wir mal "A-Polizei"). Die A-Polizeit von Bereich 1 prüft dann alle Lager von Bereich 2 und die A-Polizeit 2 prüft Bereich 1, Bereiche 3 und 4 prüfen sich ebenso gegenseitig. In jedem Bereich werden drei Lager nominiert (ergo zwölf Nominierte insgesamt). Diese werden dann von der "Super-A-Polizei" geprüft, welche aus Marktorganisatoren, Museumsmitarbeitern und Mitgliedern des Vereines "Trelleborgs venner" bestehen. Da alle Nominierten bereits erstklassik sind, geht es nun um die Details.

Wir denken, dass das eine gute Art ist, die Authentizität eines gesamten Marktes zu erhöhen. Menschen werden durch einen kleinen Wettkampf motiviert. Und da es nichts zu verlieren gibt, läuft alles auf sehr freundliche Weise ab. Man kann auf Dinge in anderer Leute Lager hinweisen, die noch verbessert werden könnten (was genauso bei einem selbst geschehen kann), aber man fühlt sich vielleicht auch verpflichtet, sich selbst und sein eigenes Lager kritischer zu betrachten. Und wenn jeder nur versucht, etwas besser als sein eigener Nachbar zu werden, könnte sich der Markt zu einem unglaublichen Qualitätsniveau hocharbeiten.


Glaubenskrieg

Die Trelleborg - welche wirklich verdammt mächtig und beeindruckend ist! - war, neben weiteren Festungen, im Auftrag von Harald "Blauzahn" Gormsson gebaut worden, um seine Position im frisch christianisierten Dänemark zu festigen. Die Konvertieren zu einem neuen Glauben ist nie einfach, besonders wenn es einem auferzwungen wird. So kam es, dass einer von Haralds Söhnen, Sveyn Gabelbart, gegen seinen Vater rebellierte (vermutlich hatte er noch mehr Gründe, aber er war definitiv ein Heide). Sveyn besiegte Harald am Ende und ergriff den Thron.

Beim Trelleborg Viking Festival wurde eine Schlacht zwischen den beiden Armees vor der Festung re-enactet. Gudrun, die Vølva aus Ribe, unterstützte Sveyns heidnische Armee, während ein Isländer (welche nicht gerade für seine Heiligkeit bekannt ist) einen betenden, kämpfenden und taufenden Priester auf Seiten Haralds spielte. Die Schlacht wurde am Freitag, Samstag und Sonntag geführt und dauerte üblicherweise drei Runden - allerdings verkürzte Þór die Sonntagsschlacht ein wenig, indem er alle Anwesenden von oben durchnässte. Hunderte Kämpfer trafen sich auf dem Schlachtfeld als Verbündete oder Feinde - doch am Abend waren natürlich wieder alle Freunde und die Partys überschritten jegliche Grenzen von Alter (Kinder ausgenommen...) und Herkunft. Es fühlte sich so an als sei jeden Tag irgendwo eine große Party.

Doch dann kam Moesgård...