Die Sommersonnenwende haben wir hinter uns, es geht wieder den dunkleren Zeiten entgegen. Das ist kein Grund, frühzeitig in eine Winter-Lethargie zu verfallen. Ganz im Gegenteil - der Großteil unserer Märkte liegt schließlich noch vor uns. Aber auch sonst sind wir nicht untätig gewesen.

Anfang Mai waren wir dabei, als die Produzenten unserer Wolle geschoren wurden. Wir konnten uns die Vliese selbst aussuchen und lernten einige Schafnamen kennen, so wie "Lotte" und "Doofi". Manche Wolle ist dunkelbraun durchzogen von weißen Haaren, manche ist gescheckt und manche weiß. Es handelt sich um keine nordische Schafrasse, sondern um eine norddeutsche: "Ostfriesisches Milchschaf". Das spielt jedoch keine große Rolle, denn wir denken, dass es sehr wichtig ist, lokale Schafhalter und ihre Schafe zu unterstützen. Die Vliese sind sehr Haar-reich und leicht zu kämmen und spinnen. Wir sahen mit eigenen Augen und fühlten mit eigenen Händen, wie unterschiedlich die Wollqualität je nach einzelnem Schaf und der Lage am Körper des Schafes ausfällt. Man kann sich gut vorstellen, wie sich die Menschen im Frühmittelalter ihre Schafe selbst aussuchten und wie jene Schäfer besseres Geld verdienten, die auch die bessere Qualität boten.

Als nächstes wurden die Vliese mit kaltem Wasser gespült, was schnell eine grau-braune Suppe ergab (omnomnom...) - lecker schafig riechende Nährstoffe für unsere Waid-Pflänzlein! Nach dem Trocknen zupfte Vil die Wolle ein wenig auseinander, sodass Stroh und andere "Dinge" rausfallen konnten. Er erledigte außerdem den Großteil der bisherigen Kämmarbeit. Ása setzte sich ans Spinnen; Garn für Garn für Garn. Und so schnell ist noch kein Ende in Sicht...

Ein paar Wochen später kam das Epochenfest in Jülich. Dieses Jahr lagerten wir neben unseren Freunden von Dreki Herflokka. Die Holzhaken, die Vil aus alten Weihnachtsbäumen geschnitzt hatte, erwiesen sich als sehr nützlich, da wir daran viele Garne aufhängen können und somit mehr Platz auf dem Tisch haben. Platz, den wir unter anderem für die neuen Wollkämme brauchen, die Vil herstellt. Ein Paar tauschten wir gegen ein Hirschfell (was übrigens ganz schön nach etwas klingt, das die Menschen in Skandinavien gemacht hätten) - diese Lücke muss also mit einem neuen Paar gefüllt werden, und mit noch mehr. Wir sind uns sicher, dass es in Dänemark Menschen geben wird, die dringend Wollkämme brauchen. Vil probiert auch ein paar alternative Formen aus und experimentiert entlang der wenigen Nachweise, die uns zur Verfügung stehen. Doch während des Epochenfestes, zwischen gleißender Sonne, Bier, Met, Wein und viel Spaß, fand er auch ein wenig Zeit, um einen Haken in eine besondere Form zu bringen. Es ist ein hölzerne Freyr, doch wenn man ihn umdreht, sieht man einen Vogel mit langem Schnabel und einem Thorshammer am unteren Ende.

Die Holzarbeiten gingen mit kleineren Gegenständen wie Augenbohrern und Nadelbinde-Nadeln weiter. Bei ersteren stellte Vil fest, dass er so etwas schon vor langer Zeit hätte herstellen sollen, weil viele Dinge mit kleinen schwarzen Kreisen einfach besser aussehen. Wir wissen, dass die Wikinger diese Verzierungen viel genutzt haben. Hölzerne Gegenstände damit sind zwar selten, aber es gibt viele Nachweise durch Knochenkämme und knöcherne Nadeldosen. Die Nadeln stellte Vil aus verschiedenen Hölzern her, hauptsächlich aber Eibe, inspiriert durch Haithabu-Funde.

Da wir bisher keine schöne Möglichkeit hatten, Nadelbindenadeln auf unserem Tisch zu präsentieren, ohne dass sie so schnell verloren gehen können, schnappte sich Ása ein paar Köper-Stoffreste in orange und dunkelgrün und nähte ein hübsches Nadelmäppchen. Die Ränder dekorierte sie mit drei dunkelgrünen, parallel laufenden Fäden, die sie mit einem orangenen Faden überwendlich festnähte und schließlich zu einer Art flachen Kordel verflocht. Das Mäppchen kann zusammengerollt und mit der Kordel zusammengehalten werden, sodass die Nadeln beim Transport nicht so schnell verloren gehen.

Und schließlich, endlich, schnappte sich Ása etwas dunkelgrünen und gelben Faden sowie ihre zehn Brettchen und versuchte sich am Brettchenweben. Die Kanten der Brettchen sind eine Spur zu scharf, weshalb die Kettfäden oft rissen, aber es dauerte nicht lange und das erste gleichmäßige Muster tauchte auf. Brettchenweben ist wie ein ganz neues, dickes Buch, das erstmal geöffnet werden muss. Und da Zeit kostbar ist und es noch viele unbeendete Projekte gibt, beschloss Ása, erstmal nur durch die Seiten zu blättern und das Buch für's erste stehen zu lassen. Dennoch wurde das erste Band recht hübsch, was sie ziemlich stolz macht.