Der Kälte trotzend... (Part I) Weiße Kammzüge

Kurz vor Silvester begaben sich Víl und Ása nach Einladung zweier potentiell zukünftiger Hordenmitglieder auf eine Treibjagd in Nordhessen. Am Ende des Tages waren 5 Rehe und eine Wildsau erlegt worden. Für beide von uns war dies ein erstmaliges Ereignis und in vielerlei Hinsicht ausgesprochen lehrreich. Wir machten uns Gedanken darüber, wie lange z.B. das gerade erlegte Wild eine Menschengruppe wie die bei der Jagd anwesende (ca. 25 Jäger + Treiber) wohl ernähren könnte, wenn es die einzige Nahrungsquelle während eines harten, nordischen Winters wäre. Antwort: nicht sonderlich lange, im Gegenteil. Weiterhin tauchte die Frage auf, was wohl mit den Häuten/Fellen dieser Tiere geschehen würde. Die ernüchternde Antwort heute: “nichts, die werden weggeschmissen”. Sowas wäre im 10. Jh. natürlich undenkbar gewesen und so erhielten wir die Zusage, man werde beim Häuten des Wildschweines Vorsicht walten und uns das Fell zukommen lassen.

Etwa drei Wochen sind nun verstrichen über einen kleinen Umweg ist das Fell nun bei uns anggekommen. Oder sagen wir eher: Die Schwarte. Diese wog heute Morgen noch etwa 20kg, inklusive einger Kilogramm Kochsalz, in welchem sie konserviert wurde. Man darf sich das Ganze in etwa vorstellen wie ein gut daumendickes Stück frischen Speck mit Salzkruste und Wildschweinbehaarung im eigenen Saft, inklusive Schweinenase vorn und Schwanz hinten, minus leckerem Wildfleisch. Erste Amtshandlung war heute also: Die Schwarte auf eine schiefe Ebene packen, damit die vom Salz herausgezogene Flüssigkeit ablaufen kann. Inzwischen hatten wir uns ein wenig schlau gelesen, wie man ein Rohfell gerben oder wenigstens trocknen kann, damit aus der Schwarte ein ansehnliches, lagertaugliches Polsterutensil wird. Und das wird eine langwierige Arbeit: Entfleischen, Pickeln, Abschaben, Gerben, Trocknen, Walken, Räuchern, Walken, Trocknen, hoffen.

Trotz des nasskalten Wetters machte ich mich dann an die Arbeit: “Entfleischen” heißt der erste Schritt und das Wort beschreibt die wesentliche Tätigkeit sehr gut: Die Haut wird mit der Fellseite nach unten hingelegt und die andere, also Fleischseite, wird mit einem Messer so gut es geht von allem befreit, was nicht Teil der gerbbaren Lederhaut ist. Ich wählte hierzu ein nicht allzu scharfes Messer, um die Haut selbst nicht zu verletzen. Anfangs ging das vorsichtige Wegschnitzen der im Wesentlichen aus Fett und in geringerem Maße Bindegewebe und Muskeln bestehende Schweinereste langsam vonstatten, bis mir aber klar wurde, wie zäh die rohe Lederhautschicht wirklich ist: sie mit diesem Messer zu verletzten war so gut wie unmöglich. Nach dieser Erkenntnis konnte ich etwas rabiater weiter machen, wurde aber dennoch bis zur Abenddämmerung nicht fertig. Morgen steht also noch genug weitere Arbeit an.

Interessante Erkenntnisse bisher:

  • Das Abziehen der Haut ist relativ harte Arbeit (besonders für die messerführende Hand und bei Kühlschranktemperatur), die Geschick im Umgang mit dem Messer erfordert und (wie bei der Holzbearbeitung) nicht in jede Richtung gleich leicht läuft: Man sollte die Haarwuchsrichtung beachten, denn die dickeren Borsten wachsen bis in die Fettschicht unter der Lederhaut hinein und erschweren die Arbeit, wenn man “gegen den Strich” arbeitet. Außerdem lässt sich die Haut am Rücken besser abtrennen als an den Beinen, wo der Bindegewebeanteil deutlich höher ist.
  • Ich hätte erwartet, dass der Geruch bei der ganzen Geschichte erheblich schlimmer wäre. Stattdessen riecht es eben nach mehr oer minder frischem Wildfleisch. Ekliger Geruch würde aber auf Verwesungsprozesse hindeuten, die das Fell unbrauchbar gemacht hätten. Alles wie es sein sollte also.
  • Von den gut 20kg sind an die 5kg “Speck” schon weggeschnitten. Am Ende bleiben vielleicht weniger als 10kg übrig, mal sehen. Wäre dieses Fett nicht so stark gesalzen, könnte man es zur Talgseifenherstellung verwenden. Das wäre ein Projekt, welches wir mit einem nächsten, frischen Fell in Angriff nehmen könnten.

Sobald diese Arbeit erledigt ist, werden wir versuchen, das Fell mittels Sämischgerbung haltbar zu machen. Das würde bedeuten, dass die komplett gereinigte Haut aufgespannt und mehrfach mit Hirn oder Tran (oder Eigelb und Weizenkleie…) durchtränkt wird. Die in der Haut oxidierenden Fettsäuren bewirken dann die gewünschte Gerbung. Zur Konservierung soll das Fell anschließend geräuchert werden. Mal sehen, was daraus wird und wann wir die ganze Aktion starten können, möglicherweise sogar auf einem Markt. Bis es soweit ist, wird die Haut weiter in Salz konserviert.